In den Jahren vor der Corona-Krise gab es für die Online-Reiseportale Booking (WKN: A2JEXP) und Expedia (WKN: A1JRLJ) nur eine Richtung: Nach oben! Auf dem wichtigen deutschen Markt bahnt sich nun eine Trendwende an. In 2021 sank zum ersten mal seit einigen Jahren der Anteil der Hotelbuchungen über Online-Plattformen. Zwar nur um leichte 1,4 Prozent, doch der Richtungswechsel ist überraschend. Die Urlauber buchen wieder vermehrt über den direkten Kontakt zu den Hotels. Und auch der Blick auf die gesamte Tourismusbranche verheißt für unsere beiden Reiseaktien derzeit nichts Gutes.

BGH-Urteil schränkt Booking ein!

Im Jahr 2013 buchten in Deutschland noch gute 20 Prozent der Menschen ihre Hotels über die verschiedenen Online-Plattformen. In den folgenden sechs Jahren wuchs dieser Wert kontinuierlich um zehn Prozent an. Gesamteuropäisch scheint diese Entwicklung weiter zu gehen. Dass es in Deutschland anders ist, könnte vor allem ein Urteil des BGH vor gut einem Jahr sein. Dadurch wurde dem klaren Marktführer Booking untersagt, sogenannte „enge Bestpreisklauseln“ in den Deals mit den Hotels zu verankern. Die Klauseln würden Hotels dazu verpflichten, Übernachtungen nicht günstiger anzubieten als auf Booking.com. Prompt gingen die Direkt-Reservierungen n Deutschland wieder hoch. Im Vergleich zu 2019 buchten im vergangenen Jahr 3,2 Prozent mehr Kunden im unmittelbaren Kontakt mit den Hotels. Das erste Wachstum seit sechs Jahren.

Auch wenn sich die Entwicklung derzeit noch auf Deutschland konzentriert. Es könnte sich ein Trend anbahnen. Somit könnten auch in anderen Ländern Hotels ermutigt werden, wieder unabhängiger von den Plattformen zu agieren. Die britische Hotelkette Premier Inn wächst hierzulande derzeit rasen und von vornherein ganz ohne die Hilfe der Online-Portale. 

Fällt auch der erhoffte Boom-Sommer der Reisebranche ins Wasser?

Auch mit Blick auf den Gesamtmarkt gehen die schlechten Nachrichten für Expedia und Booking weiter. Die letzten Quartalsberichte waren noch gespickt von Hoffnungen auf ein Sommer-Geschäft auf Vor-Corona-Niveau. Auf der einen Seite fehlt es der Branche massig an Personal. Im Zeitraum der Pandemie haben sich 17 Prozent der Beschäftigten in Tourismus und Gastronomie umorientiert. Das sorgt für Lücken, die nicht rechtzeitig gefüllt werden können. Besonders an den Flughäfen ist der Personalmangel zu spüren. Immer mehr Flüge werden gestrichen. Tausende Reisende sitzen im Ausland fest. Der Hochbetrieb in den nächsten Monaten kann die Situation noch verschärfen. Bereits die jetzige Situation kann viele Menschen davon abhalten, große Reisen zu unternehmen. 

Auch die Kurse der Booking Aktie sowie der Expedia Aktie spiegeln die wachsenden Sorgen vor einem weiteren schwachen Sommer wider. Für beide Werte ging es in den letzten fünf Tagen um satte 13 Prozent runter. Der Anschluss an eine Reisewelt vor Corona scheint noch immer in weiter Ferne. Auch die Preise sind vor allem durch die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine stark gestiegen. Damit sieht es bereits bevor es der europäische Hochsommer richtig losgeht, schlecht aus. Im Frühjahr war der Optimismus noch groß. Die Menschen befanden sich nach zwei Jahren großer Einschränkungen in starker Reiselaune. Jetzt wird klar: Zumindest mit Blick auf ein Mangel an Angestellten hätten die Betriebe früher und entschiedener reagieren müssen. Für diesen Sommer scheint es jetzt zu spät dafür.

Die Krise managen und langfristig wieder angreifen?

Man kann es so oder so sehen. Auf der einen Seite hätten die Betriebe den Personal-Mangel früher und aggressiver angehen können. Dass es in diesem Jahr zu einer starken Erholung der Reisetätigkeit kommen würde, wurde schon länger vermutet. Auf der anderen Seite befindet sich die Branche noch immer in einer Ausnahmesituation. So rasant wie in diesem Jahr mussten die Kapazitäten nach zwei Jahren Flaute noch nie hochgefahren werden. Fest steht: Booking und Expedia können nur dann ihr Potenzial ausschöpfen, wenn die Reise-Infrastruktur auch vernünftig funktioniert. Darin sehe ich derzeit die deutlich größere Herausforderung. Trotz der Trendwende in Deutschland sehe wir aber die Geschäftsmodelle noch lange nicht gefährdet. Hier bleibt die weitere Entwicklung abzuwarten. Insgesamt sind wir mit Blick auf beide Aktien aufgrund der weiter taumelnden Tourisitk-Branche momentan eher vorsichtig.

Julian besitzt keine der im Artikel erwähnten Aktien.