Vonovia (WKN: A1ML7J) ist durch die Übernahme der Deutschen Wohnen inzwischen der größte Immobilienkonzern in Europa. Nach mehreren gescheiterten Anläufen konnte man die Fusion mit dem branchenzweiten in Deutschland im vergangenen Oktober endlich vermelden. Bereits im Mai hatte das Bundeskartellamt einem möglichen Zusammenschluss der beiden Dax-Konzerne zugestimmt. Somit sind nun rund 550.000 Unternehmen mit einem Gesamtwert von über 80 Milliarden Euro in der Hand des Immobilienriesen aus Bochum. Nach Vorstandschef Rolf Buch sei man sich der sozialen und gesellschaftlichen Verantwortung, die damit einhergeht, bewusst. „Wir stehen zu unserer Verantwortung, gemeinsam mit der Politik an konkreten Lösungen für bezahlbaren und klimafreundlichen Wohnraum zu arbeiten“, sagte Vorstandschef Rolf Buch im Zuge der Übernahme.  Vonovia kann in den nächsten Jahren Taten folgen lassen und seine Glaubwürdigkeit aufbessern. Der Konzern ist in der Vergangenheit immer wieder durch hohe Mietsteigerungen und überhöhte Nebenkostenabrechnungen in die Kritik geraten. 

Vonovia Aktie bleibt Übernahme-hungrig

Insgesamt um die 17 Milliarden Euro und 53 Euro je Aktie lässt sich Vonovia die Einverleibung der Deutschen Wohnen kosten. Um die Kosten zu stemmen hatte sich der Konzern ein knapp 20 Milliarden Euro schwere Brückenfinanzierung gesichert. Etwa 2,5 Milliarden wurden im Herbst über den Verkauf von 15.000 Wohnungen an den deutschen Staat eingesammelt. Weitere 8 Milliarden durch eine Kapitalerhöhung in Form von neu herausgegebenen Aktien. Und das Übernahme-Domino soll dieses Jahr fortgesetzt werden. Sobald die Deutsche Wohnen erfolgreich in das Unternehmen integriert ist, möchte man bei der Adler Group Fakten schaffen. Immerhin 52.000 Wohnungen hat der deutlich kleinere Immobilienkonzern aus Luxemburg in seinem Besitz. „Wir werden nicht nur ein paar Adler Aktien kaufen. Wenn wir die Option ziehen, werden wir versuchen Adler unter Kontrolle zu bringen“, sagte Buch im November. 

Klimaneutrales Sanierungsprojekt läuft bereits

Im Zuge der angesprochenen Verantwortung für klimafreundliches Wohnen steht Vonovia wohl vor seiner bislang größten Herausforderung. Ein wesentlicher Teil der wohl bald über 600.000 gemanagten Wohnungen muss in einem relativ kurzen Zeitraum aufwändig saniert werden. Um dies mit der nötigen Geschwindigkeit auf sozial verträgliche Weise umzusetzen, bedarf es ganz neuer Ansätze. Eines davon testet der Konzern seit vergangenem Jahr in einem Pilotprojekt in Bochum. Hier erneuert der Konzern derzeit insgesamt 24 ältere Wohnungen durch das sogenannte Energiesprong-Prinzip hin zu einer klimaneutralen Energieversorgung. Mit diesem Ansatz wurden im Herkunftsland Niederlande bereits mehrere Tausend Reihenhäuser saniert. Zentrale Faktoren sind dabei unter anderem die Erneuerung der Gebäudehülle und die Installation von Photovoltaik-Modulen. Energiesprong hebt sich dabei durch Automatisierung in der Produktion der Module sowie Skaleneffekte in der Massenfertigung von den etablierten Sanierungsmethoden ab. Dadurch könne man die Kosten von Wohnungserneuerungen stark senken und sie somit Wohnungskonzerne und Mieter deutlich attraktiver machen. 

Als langfristiger Anleger bin ich gespannt zu erwarten, wie sich das Projekt entwickelt. Bei einem Erfolg sollte man von Vonovia zeitnah deutlich ambitionierte Sanierungsprojekte erwarten. Die ungewisse Versorgungslage mit fossilen Brennstoffen durch den Russland-Ukraine-Konflikt zeigt, dass große Immobilienkonzerne nun mit Hochdruck auf erneuerbare Energie und Energieeinsparungen umstellen müssen. Besonders dann, wenn man wie in Bochum die eigene gesellschaftliche und soziale Verantwortung öffentlich großschreibt. Die Vonovia Aktie hat in den letzten sechs Monaten satte 16 Prozent verloren. Auch den Anlegern scheint das reine Wohnungswachstum nicht mehr zu genügen. Ich blicke deswegen momentan neutral auf das Wertpapier.

Julian besitzt keine der im Artikel erwähnten Aktien.